Interview mit Frederick Griesbach zu Corona, Solidarität und Spitzensport

Cheftrainer Frederick Griesbach im Interview über die Auswirkungen der Corona-Krise, den Spitzensport und die Solidarität in dieser schwierigen Zeit.

Solidarität ist das Wort der Stunde. Gibt es die in diesen Zeiten tatsächlich zwischen den Profivereinen, oder wo liegen die Grenzen der Zusammenarbeit?

Frederick Griesbach: Inwieweit die Vereine auf Management- und politischer Ebene zusammenarbeiten und sich solidarisieren, ist für mich schwer zu beantworten. Die Trainer untereinander sind im regen Austausch, auch weil es ja für alle eine neue, nie da gewesene Situation ist. Die Spieler kennen sich untereinander ohnehin sehr gut und pflegen viele Freundschaften vereinsübergreifend, so dass es da durchaus einen guten Austausch gibt.

Welche Fehlentwicklungen sehen Sie in den Profiligen? Muss man die zunehmende Kommerzialisierung mit hohen Spielergehältern, hohen Eintrittspreisen und der Abhängigkeit von Fernsehsendern beklagen oder kann man das in Kauf nehmen?

Frederick Griesbach: Zunächst einmal finde ich, darf man die Kommerzialisierung beklagen, man darf sie aber auch ohne schlechtes Gewissen – wie etliche Menschen seit der Antike im Übrigen – mittragen. Das Einzige, was ich verwerflich finde, ist, sich darüber zu beschweren und gleichzeitig zu partizipieren. Egal, ob das die üppige Trikotsammlung für mehrere hundert Euro ist, die Stehplatz-Dauerkarte beim Fußball-Bundesligisten, das Sky-Abonnement oder vielleicht sogar der eigene Beruf als Verkäufer im Sportwarenladen, als Journalist oder als Lieferant für das Stadioncatering. Für mich ist das, als ob ich auf einem Kreuzfahrtschiff eine Weltreise mache und mich aufrege, dass es Bananen gibt, weil die nicht klimaneutral aufs Schiff kommen können. Wenn mich als Zuschauer nur Rekorde und immer bessere Spitzenleistungen getreu dem Motto “citius, altius, fortius” zufriedenstellen und ich mich über ein schlechtes Spiel aufrege, dass es keine gute Show gewesen sei, dann akzeptiere ich die Kommerzialisierung – genauso wie Doping – stillschweigend und nehme mir ein Stück weit das Recht, mich darüber auszulassen.

Experten glauben, die Corona-Krise wird unsere Gesellschaft verändern. Wird sie auch den Profisport verändern?

Frederick Griesbach: Kurzfristig kann ich mir gut vorstellen, dass die Gehälter sinken und sich beispielsweise die Ablösesummen im Fußball nach unten entwickeln. Anfangs wird wohl auch ein stärker sensibilisiertes Verständnis für die Schnelllebigkeit der modernen Welt vorherrschen. Mittel- und langfristig rechnen ich mit keinen nennenswerten Veränderungen im Profi- und Höchstleistungssport. Ich denke, die Geschichte hat gezeigt, dass sowohl die Geldgier und Machtbesessenheit als auch der Wunsch nach neuen Rekorden so fest in uns verankert sind, dass er auch nach der Krise wieder zum Vorschein kommt.

Welche Veränderungen im Profisport würden Sie sich wünschen?

Frederick Griesbach: Ich denke, jeder, der einen Profivertrag unterschreibt, weiß, auf was er sich einlässt. Es wird jedem bewusst sein, welche Vor- und Nachteile damit einhergehen. Dasselbe gilt in meinen Augen auch für Zuschauer und Fans, sowie für Medien, Unternehmen und die Politik – nur ehrlich sagen will es keiner. Im Kleinen hoffe ich, dass sich die Ligen und Verbände bewusst werden, dass die Sportler die Mosaiksteine sind, die das System am Leben erhalten und daher absolut schützenswert sind. Denn die Weltklasseathleten wie Messi, Jordan, Schumacher, Federer und Co. sind nicht austauschbar. Zudem würde deutlich mehr Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit dem Profisport, aber auch der Allgemeinheit, sicherlich guttun.

Wie sehen das gesellschaftliche Leben und natürlich auch der Profisport in zwölf Monaten aus?

Frederick Griesbach: Die Gesellschaft und auch der Profisport werden in der Krise vielfältige und kreative Lösungen für die unterschiedlichsten Probleme gefunden haben, von denen wir dann und in Zukunft profitieren werden. Aus den gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnissen werden wir die richtigen Schlüsse gezogen, Pandemiepläne optimiert haben. Schön wäre es, wenn wir die Bezahlung und Arbeitsbedingungen der Pfleger angepasst haben an das, was sie leisten. Weiter denke ich, dass die etwas entschleunigte Welt langsam wieder Fahrt aufnimmt. Für den Profisport könnte maßgeblich werden, wann wieder in einen geregelten Trainings- und Spielbetrieb eingestiegen werden kann. Ich blicke jedoch optimistisch in die Zukunft und rechne damit, dass wir uns in zwölf Monaten wieder mit Auf- und Abstiegssorgen, Transfers und dem Saisonendspurt 20/21 beschäftigen.

Das Interview führte Karsten Zipp, erschienen im Angebot der VRM.

Foto: Marc Thürmer

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